Lee
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 5
(ohne Artikel) die dem Winde abgekehrte Seite (des Schiffes). Breusing hat im Jahrbuch des Vereins für nie der deutsche Sprachforschung 1876 sich die Deutung Kilians angeeignet, der lye mit „lat us nav is depre um‟ übersetzt und mit „quod a vento deprimitur‟ erklärt, indem er es mit ley = niedrig in Verb in dung brachte. Darauf hat ihm aber Müllenhoff alsbald dargetan, daß an leg nicht zu denken sei. Mit Recht. Denn wenn auch zu gewi en Zeiten und unter gewi en Umständen an Bord die Leeseite die niedrigere Seite werden kann, so denkt dabei doch niemand an das Niedrige und das Wort Lee wird sehr oft da gebraucht wo von hoch oder niedrig gar keine Rede sein kann. Müllenhoff fügt seiner Ablehnung die Worte hinzu, er finde aus dem German is chen keine Erklärung, so lange er sie auch im Auge gehabt und gesucht habe. Das kommt offenbar daher, daß er, wie auch Breusing mit einem zu engen Begriff von Lee gear be i tet hat, nämlich dem rein seemännischen. Es gilt aber zuerst sich den ganz allgemeinen Begriff und die umfa ende Bedeutung von Lee klar zu machen. Es ist nicht nur die dem Winde abgekehrte Seite des Schiffes sondern jeder Ort wo man Schutz findet, Ruhe, Stille, Schatten, Obdach, Zufluchtsort. Spricht doch der Seemann selbst auf See, an Bord nicht bloß: „in Lee vom Schiffe‟, sondern auch: „in Lee von der Luvbordwand‟, (und da ist von ley, niedrig doch keine Rede); und ebensogut sagt er am Lande: „in Lee von einem Hause, von einer Mauer, von einem Busch‟ (wobei er an hoch oder niedrig erst recht nicht denkt), weil Haus, Mauer und Busch Schutz vor Wind, vor Regen oder Sonne gewähren. Überhaupt kam das Wort in allgemeinen Gebrauch ehe die Bedeutung so her vor rag end seemännisch war, daß sie so nachdrücklich hätte auf die Sprache der Landbewohner zurückwirken können. Es ist das Wort vom Lande auf die See übertragen nicht umgekehrt. Sobald nun die Bedeutung Schutz, Schutz auch am Lande, festgehalten wird, kommt man ohne Weiteres auf das alt nor disc he Wort hle; altsächsisch hleo, hlea, angelsächsisch hleo; sie alle bedeuten Schatten, Schutz, Schutzort, wobei gleich bemerkt sei, das Schatten vor der Sonne sowohl als Schutz vor ihren sengenden Strahlen, als auch als trübes, düsteres, trauriges Dunkel empfunden werden kann; so willkommen der Schatten um Johanni ist, so beengend, ja mit Todesahnungen erfüllend kann er in der Zeit der „zwölf Nächte‟ vom Weihnachtbis zum Epiphanientage wirken. — In einer sehr lehrreichen Abhandlung über den altdeutschen Mythus vom Körperschatten hat Rochholz „Deutscher Unsterblichkeitsglaube‟, dargethan, daß Lee keineswegs au chließlich oder auch nur hauptsächlich seemännisch ist. „Mit einerlei Wortstamm benennt unsere Sprache das schattige Waldgebirge, das dunkle Meer und das finstere Grab, diese drei großen Hauptgemarkungen, die das Land oder das Leben abgrenzen. Wir haben demgemäß Leewälder, Leberberge, Lebermeere und Leefelder, d. h. Grabfelder. Es ist nachzuweisen, wie die Vorstellungen über den Schatten in eben diesen Wortstämmen Le, Lew, Ler sich ausgebildet haben.‟ Indem er dieses tut, führt ihn sein Weg bis in das tiefste Binnenland, bis nach Österreich hinein. Uns aber geht be sonders das Leemeer an. Der alt nor disc he Wa erriese Hlê wohnt nach einer nordischen Sage auf der Insel Läsöe (Hlêsey) im Kattegat und hält sich dorten einen Hirten Snio, d. i. das Schneewehen vom Meere her. In weiterer Ausdehnung der My the bewohnt Hlê das unbeweglich stehende Eismeer, mare mortuum, welches die Is i doris chen Glo en mit lebirmeri übersetzen. Die Seelen der Schiffbrüchigen finden in der Tiefe dieses Lebermeeres Zuflucht und Obdach unter umgestülpten Töpfen. — An die Stelle solcher Hlêmeere traten in den Binnenländern die Lee was ser und ihre geisterbehüteten Leebrücken. Auf der Leebrücke zwischen dem Flecken Schwyz und dem Dorfe Brunnen am Waldstädtersee sitzt die Nachtspinnerin und wen sie anhaucht, der erblindet, wird lee blind. — Der Meeresgott Hlê ist natürlich nur eine andere Gestaltung der Schattengöttin Hel. Es möge aber genügen hier darauf hingewiesen zu haben, daß der gemeinsame Begriff von Leewald, Leemeer, Leefeld und Leebrücke der des Schattens, des Schutzes, des Zufluchtsortes ist und daß das Wort sich in jenen niederdeutschen Ortsnamen so oft wiederholt, die mit -leben zusammengesetzt sind: Eisleben, Wegeleben, Wanzleben, Ermsleben etc. Unter den zahlreichen Be in a men Odins kommt auch Hlêfreyr, Leeherr vor. Simrock meint, der bedeute jedenfalls seine Herrschaft über das Wa er. Aber was heißt Hlê-Herr? Doch zunächst einen Schutzherr oder Schirmherr, eine besondere Beziehung zum Meere liegt nicht darin. Und wenn der über Walhall reichende Wipfel der wunderbaren Weltesche Yggdrasil den Namen Laerad führt, so heißt das doch nur „Schutz und Schirm‟ spend end, und unter den Wurzeln dieser Esche quellen zwar drei Brunnen, aber mit dem Meere hat sie nichts zu tun. Ist nun die eigentliche Bedeutung von Lee Schutz, so ist es nicht zu verwundern, daß gerade die Seeleute sich im Laufe der Zeiten be sonders das Wort angeeignet und bis auf unsere Tage im Gebrauch behalten haben; das liegt in der Natur der Sache, da für sie Schutz vor Sturm und See not eine be sonders wichtige Sache ist. Dabei ist zu bedenken, daß auf Wangerooge angenehmes, warmes Wetter li-weder heißt und daß in der Edda laegi Meere tille bedeutet. Daher haben die Verfa er des „Bremer Wörterbuches‟ auch schon das Richtige geahnt, als sie schrieben: „Lee oder Lehe, ein Dorf dieses Namens, eine halbe Meile von Bremen‟ (also Bremerlehe). Im Angelsächsischen ist hleow und hleowth eigentlich ein Ort, der (an der Sonne liegt und) vor dem Winde sicher ist: ein Zufluchtsort.‟ Und weiter: „Bei unseren Schiffern heißt lee ein Ort, wo die See stille ist und die Wellen nicht ankommen. „In't lee van't land‟ bezeichnet eine Station der Schiffe bei einer Insel oder Erdzunge, wo der Wind vom Lande absteht, und wo folglich dichte unter dem Lande die See vom Winde nicht be we get wird.‟ — Und andererseits lesen wir in einer mittelniederdeutschen Chronik: „und wo woll den Deutschen und Lubschen alles thoiegen was und in der Lehe werden.‟ Hier ist allerdings eine au chließlich seemännische Bedeutung von Lee unzweifelhaft, indem es für ein Segelschiff natürlich sehr hinder lich ist, sich in Lee eines feindlichen Schiffes zu befinden, nicht weil es leger, niedriger wäre, sondern weil es in seiner Bewegungsfreiheit der in Luv be find lichen Schiffe gegenüber im Nachteil ist. In so fern bedeutet Lee eine schwierige Lage, etwa diejenige einer Partei, die „ins Hinter tref fen geraten‟ ist; Not, Bedrängnis, Schwierigkeit. Aber darum hätte der holländische Dichter ten Kate ly — so heißt Lee im Niederländischen — doch nicht gleich von leiden ableiten sollen, was auch Kilian mit seinem lat us nav is depre um auf dem Gewi en hat. Adelung aber hat sogar ein altes lee = links herangezogen und dabei an Back bord, die linke Schiff eite gedacht, als ob Back bord immer Lee und Steuerbord immer Luv wäre. — Leegierig , s. luvgierig am Ende.
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