Luv
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 6
meist, wie Lee, ohne Artikel. — Es sind auf fall end wenig Erklärungsversuche an dieses Wort herangetreten, gleichsam als ob sich an das schwierige Wort niemand so recht herangetraut hätte. Und es ist doch ein so wichtiges Wort für den Seemann. Wir mü en vor allen Dingen von der Frage ausgehen: Was ist Luv? Was will es sagen? Von welcher Anschauung mag die Benennung ausgegangen sein? Und da ist vor allen Dingen zu bemerken, daß Luv die Seite ist von der man mit dem (Segel-)Schiffe herkommt, also die Seite die man auf der Fahrt nach Lee zu hinter sich zurückläßt. Das stimmt zwar jetzt wo man „beim Winde‟ zu segeln gelernt hat, nicht mehr ganz, in alten Zeiten aber, wo bei der unbeholfenen Segelführung an ein Aufkreuzen nicht zu denken war, sondern nur mit raumen Winde Kurs gehalten werden konnte, da stimmte es. Man erklärt Luv jetzt gewöhnlich als die Seite, von der der Wind kommt, die Windseite. Das ist auch richtig. Aber eben so richtig ist, oder war es doch, zu sagen, die Seite wo das Schiff herkommt, oder die Seite die das Schiff auf seiner Fahrt hinter sich zurückläßt. Und dieser Begriff des Zurückla ens dürfte au chlaggebend gewesen sein. Das Zurückgela ene heißt im Angelsächsischen laf. Im Beówulf kommt das Wort oft vor und bedeutet neben dem Zurückgela enen den Nachlaß, das Erbe, be sonders auch als vorzüglich kostbaren Gegenstand der Vererbung: das Schwert; echt dichterisch ist auch die Wendung sweorda laf, die das Schwert zurückgela en hat, die vom Schwerte in männermordender Schlacht verschont geblieben sind. — Dem entsprechend heißt im Alt fries is chen leva, lew a, relinquere, nachla en, davon law a, Glaube; law a, Gesetz, law a, Erbe; allen dreien ist der Begriff gemeinsam: Zurückgela enes, Restierendes, der Nachlaß; das was bleibt, wenn alle im Laufe der Zeiten dahingehen, das Dauernde, Feste, zu Haltende, Unvergängliche, Unverletzliche. Aber die Grundbedeutung ist zurückla en. Dem entspricht im Got is chen laiba, Überbleibsel, althochdeutsch leiba. Im Seebuch, 1400, tritt dann das Wort in seemännischer Bedeutung auf, und zwar in der Form loff. Daneben aber laufen im Sprachgebrauch der Zeit lof = Windseite und lova, lou we = Hinter las sens chaft, loven, leven, zurückla en. In einer unter Lee angeführten Stelle war gesagt, daß den Dänen und Lübeckern alles thoiegen und sie in der lehe waren; es heißt dann weiter: „Auerst de leve gott gaff gnade, dat de wind umbginck und de Denen und Lubes chen den loff kregen.‟ Es war altes ostfriesisches Landrecht: „Woir dat de frouwe ein man nimpt und tuigt ein Kind by em unde se stervet tho voeren und dat Kint darn a, so soelen broedere und sustere de lova gelieke antasten.‟ — In dieser letzteren Bedeutung ist das Wort be in a he ganz dem Sprachgebrauch entschwunden; sollte es darum sein, daß es von dem seemännischen verdrängt worden wäre? Denn das Seem anns wort hat sich immer mehr Bahn gebrochen. Nie der deutsch lof, niederländisch loef, daher französisch lof und louvoyer; in Groningen loof, auf Wangerooge lauv; dänisch luv, schwedisch lofven. Der Vokal ist schwankend; die Physio logie der Lautbildung lehrt, daß Vokale immer schwankende Laute sind. Ein wenig mehr aoder ooder u-Lautfarbe macht also nichts aus; ja wer dem Seemann genau auf den Mund sieht, der kann wahrnehmen, wie Luv, das für gewöhnlich lang ist — das Zeitwort luven ist immer lang — , oft aber auch sehr kurz ausgesprochen wird und dann leicht auch heute noch zu dem alten Klange lov zurückkehrt, ja in lav überspringt, welch letzteres ja dann auch das ursprünglichere ist. Das Schwanken der Orthographie zwischen f und v ist selbstverständlich. Sprachlich steht also der Ver wan dts chaft nichts im Wege. Sachlich, wenn man an die alten Zeiten denkt, auch nicht. Doch ist zuzugeben, daß der Begriff sich in der neuzeitlichen Seemann prache unter dem Einfluß der neuzeitlichen, verbe erten Segelführung etwas verschoben hat, namentlich der des Zeitwortes luven, das unter Umständen jetzt so ziemlich das Gegenteil von zurückla en, nämlich entgegenkommen bedeuten kann, be sonders als anluven. Aber das liegt in der Natur der Sache. — Übertragen sagt man: „er luvt nicht darauf‟, d. h. er hört nicht, gehorcht nicht, tut nicht was ihm gesagt wird; vom Luven des Schiffes her genom men; „das Schiff luvt‟, es gehorcht dem Ruder und geht mehr nach dem Wind. — Im Englischen heißt die Seite von der der Wind herkommt windward; diesen Ausdruck hatte man früher in der deutschen Seemann prache auch. Der Verfa er der „Beschriving van der Kunst der Seefahrt‟ war, (s. Schönfahrsegel) von seinem venetian is chen Schiffe kurz vor der Pulver explosion über Bord gesprungen. „Wie ich nun gedachte nach dem Admiral zu schwemmen, muß ich es allezeit gegen die See halten, weil er zu Windwärts von mir war; Wen ich aber auff die See kam, lieff mich die Rabbeling (wohl verdruckt für Kabbeling) vom Wa er übers Häupt, so, daß ich nicht sehen konte, und weil zu zweyen mahlen einige Kordusen (Kart us chen) durch Unvorsichtigkeit waren in Brand gekommen, wodurch ich ziemlich kahl war versenget, waren mich auch die Augen davon hitzig geworden, so daß ich kein Saltzwa er in den Augen vertragen konte.‟ — Doch kannte neben „windwärts‟ der Verfa er der „Beschriving‟ auch sehr wohl den Ausdruck „luv‟, jedoch natürlich in den niederdeutschen For men lof und loff. Die Stelle, in der die Ausdrücke vorkommen, ist so lehrreich für die Kenntnis der Seefahrt jener Zeit, daß sie hier Aufnahme finden möge. „Mich hat auch gut gedünkt etwas zu melden, wie ein Schiffer, der in der Westund Mittelländischen See nicht wol erfahren, und allda einige Örter besegeln müßte, sich hat vorzusehen, daß er nicht in der Heyden (Seeräuber) Gewalt kommen möge. — Wenn nun ein Schiffer ümbtrent in der Westoder Middelländischen See seine Feinde gewahr würde, so sol er nicht verzagen, sondern sich Gott und seiner gnädigen Vorsorge anbefehlen. Kan ers entlauffen, umb unters Land sich zu salvieren, oder daß er wans finster wird, sein Kurß kan for set zen, so tue ers in der Zeit, wo nicht, und daß sein Schiff etwas bewehret ist, so tue er sein bestes, und setze seine Segel daß er lofen und tragen (Richtung) halten kann; Nemblich dem gro en Halß zu, und gehe mit halben Wind, daß alle Segel ziehen können, und ob er ja sein Kurß deßwegen verändern müßte, so wil es doch nicht anders seyn, ihr könnet ihn aber lang vexieren und auffhalten; ehe und bevor er euch kann an Bort kommen; Denn, wo er nach euch zu kompt, umb euch an Bort zu legen, so mü et ihr auffdauwen (nie der deutsch touwen = eilen) und ihn das hinter ste zukehren, doch nicht eher und bevor er euch bald an Bort ist, und gebet allezeit Feuer, Gott kan es endlich so schicken, daß ihr einen glücklichen Schuß tut, dadurch ihr dennoch endlich ihm entkommen möchtet; Weil ich nun bey solchen Handel selbst mit gewesen; da es uns gelungen, also hab ich den günstigen Leser hiermit zur Nachricht dienen wollen. Es war Anno 1645 ungefehr zwischen Cap S. Vincent und S. Hubes Huck 8 Meilen von dem Wall, da kamen auff uns zu fünff Türkische Schiffe, weil wir aber sahen, daß wir gegen sie nicht fechten konten; den wir nicht mehr dann zehn Stücken und noch ein Hamburger so bey uns war sechs Stücken auff hatte, täten wir unser bestes und machtens wie vor gedacht, daß wir mit halben Wind voraus lieffen, einer aber unter ihnen war eine Holland is che Fregat mit 28 Stücken Geschütz gemondiert, der siegelte uns endlich auff, und lieff den vorgedachten Hamburger vorbey, weil derselbe hinter uns anhielt; den der Türcke gedacht uns erst an Bort zu legen, der Hamburger würde den andern nicht entlauffen. — Wie er aber näher kam, kehrten wir ihm daß hinter Schiff zu, und paßten auff, daß wir ihn mit unserm hintern Geschütz, so neunpfündige Kugeln schoß ziemlich wol traffen, loffeden auch also ford wieder an, der Türcke aber kam inmittelst etwas zu Loffwart hinten aus, er folgete uns aber wieder nach, und wolte wieder an Bort kommen, wir machtens aber wieder wie zuvor, und kehrten ihm das hinter ste zu, gaben auch indem auf ihn Feuer, traffen ihn also, daß sein Vormar egel nicht allein von oben nieder fiel, sondern auch von einem Ende zum andern auffri e, dadurch er uns nicht so bald wiederumb besegeln konte: der Vice-Admiral aber von den Türcken gedachte un ern Cammeraten an Bort zu legen, der ihn auch solches verdrehete und ihm daß Hinterschiff zukehrte, daß dem Vice-Admiral sein Bochspret vor die Steve hing, derowegen konnte er sein Segel nicht schrab (fest) setzen, daß er uns ferner verfolgen konnte; die andern drey so noch zurücke waren, scho en zwar mit ihren Bochstücken hinter uns an, welches ihn zurücke hielt, und was wir hinter aus scho en, foderte uns, so, daß wir endlich vor ihm das Land bekamen, sie aber dürfften dem Land nicht so nahe kommen, weil der Vice-Admiral durch sein Bochspret redloß war, derhalben musten sie uns endlich verla en, wir aber gingen längst dem Wall nach S. Hubes, umb allda erstlich in Salvo zu kommen, und ferner Compagney mit uns nach S. Lucas zu suchen, dah in unser Wil war.‟
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