Matrose

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 6
der, ein befahrener Seemann. Vordem hieß ein solcher Schiffsknecht, Schiffsknabe, Schiffskind, im Gegensatz zum Kapitän, dem Schiffer oder Schiffsherrn. Die Gesamtheit der Matrosen hieß Schiffskinder oder Schiffsvolk; ihre Kleidung tücke und sonstigen Sachen Schiffskindergut. Das Wort Matrose ist erst im 17. Jahrhundert ins Hochdeutsche gekommen, und zwar aus dem Niederländischen; matroos hieß und heißt es da. Und dieses matroos geht wieder auf das Französische zurück, wo uns im 13. Jahrhundert die For men mathelot, matelot, mate not begegnen. Es fragt sich aber: woher stammen diese? Und was ist die Bedeutung?  —  Es liegen nicht weniger als vier verschiedeneDeutungen vor. 1. Hat man an das altniederländische maatgenot, Maatgeno e gedacht; aber wenn man sich auch  —  zumal maatgeselle vorkommt  —  über die Tau to logie hinwegsetzen kann, so erregt der Umstand doch Bedenken, daß weder maat für sich noch genot für sich im Französischen Aufnahme gefunden haben, die Verb in dung beider kann also keinesfalls in dieser Sprache sich vollzogen haben. 2. Hat man versucht, das Wort mit Mast in Verb in dung zu bringen, so daß ein Matrose als ein Mann zu denken wäre, der am Mast seine Hauptarbeit hat. Ein an sich anziehender Gedanke, aber schon Dietz hat darauf aufmerksam gemacht, daß dann im Französischen des 13. Jahrhunderts mastelot stehen müßte. Darum ist Dietz 3. auf das late in is che matt a = Bin sen matte ver fallen und erklärt das Wort aus mattarius, was einen Mattenmann bedeuten soll, einen der mit einem anderen auf oder unter einer Matte schläft, oder einen der sich überhaupt auf einer Matte sein Lager zurecht macht. Hier müßte vor allen Dingen der Gedanke an eine Hängematte ausgeschieden werden, die einmal gar keine Matte ist und die es überdies erst seit der Entdeckung Amerikas gibt. Die Erklärung hat dann in so fern etwas Verlockendes als man annehmen könnte, das auf dem Wege vom Mit tel late in is chen ins Französische verloren gegangene r sei auf dem Wege vom Französischen ins Niederländische, vielleicht in Folge einer alten Erinnerung, wieder zu seinem Rechte gelangt. Ob aber das Schlafen auf einer Matte etwas dem Seemann so Eigentümliches ist, daß er davon sollte den Namen empfangen haben? Es schlafen sicher an den Küsten des Mit tel meers noch andere Leute auf Matten, wie sollte gerade der Seemann ein besonderer Mat ten mensch sein? 4. Müllenhoff ist der Meinung, der alten französischen Form liege das alt nor disc he mötunautr zu Grunde, auch matunautr. Ihm stimmt Kluge bei unter Annahme norman nis cher Vermittelung. Das käme dem Sinne nach auf Nr. 1 hinaus, nur daß dann die Verb in dung geschehen war, ehe die Nordmänner das Wort nach Frankreich getragen haben, so daß auf diese Weise die unter 1. erwähnte Schwierigkeit beseitigt wäre. Matunautr heißt ins Niederländische übersetzt allerdings maatgenot und bedeutet, maat in seinem ursprünglichen Sinne (von gimazo) genommen, Eßgeno e; eigentlich Tischgesellschaftsgeno e. Der dreifache Ausdruck de elben Gedankens darf dabei nicht stören, ein solcher kann eintreten, wenn einer der drei nicht mehr als solcher empfunden wird oder gar, wie hier, wo das gi (= cum) von gimazo bereits geschwunden war, für das Sprachgefühl des Volkes gar nicht mehr in Betracht kommt. (So steckt z. B. auch in dem alten kymryschen Namen für Ostsee morimarusa ein dreifacher Pleonasm us, Meer meer see, wobei sa nicht als See, sondern wohl nur als Endung empfunden ward.) Matunautr ist offenbar die Form aus der mate not ent standen ist, welche Form sich, wie erwähnt, bereits im 13. Jahrhundert in matelot umgebildet hatte. Welche Einflü e nun bei der Übernahme ins Niederländische die Verschiebung in matroos verursacht oder gefördert haben ist unschwer zu erkennen. Man hat zunächst an den Plural matelots zu denken und daran, daß die Holländer heute noch gerne das stum me Schluß-s der Franzosen mit au prechen. So war matlos gegeben; l und r aber wechseln so häufig mit einander, daß ganze Völkerschaften gar nicht wi en, ob sie l oder r sagen. So war die Form matros, matroos ein Plural, was aber bald verges sen ward, so daß schon im Niederländischen und erst recht bei der Aufnahme ins Deutsche ein neuer Plural auf en gebildet werden konnte.  —  Daß aber eher vom gemeinsamen E en der Name kommen konnte als vom gemeinsamen Schlafen, ist  —  trotz Kamerad und Geselle  —  dem nicht zweifelhaft, der bedenkt, eine wie große Rolle das E en überhaupt im Leben  —  man denke an Geno e, Kumpan, Kompagnie, Maat und Me e  —  so auch be sonders im Bordleben spielt, und der weiß, daß an Bord heute noch die Leute in Backschaften d. h. Eßgeno enschaften eingeteilt sind. So ist es unzweifelhaft, daß auch auf den Schiffen der Nordmänner die Männer in mötuneyti, in Eßgeno enschaften, be er in Geno enschaften eingeteilt waren. Ein solcher „Geno e‟ hieß matunautr, Backsgeno e, Backs kamerad. —  Im 17. Jahrhundert wurde zwar schon Matrose gesagt, aber daneben auch noch von Boots leu ten und Bootsgesellen in ganz gleicher Bedeutung gesprochen. Zu einer Flotte Piet Heyn's gehörte z. B. nach den „Durchläuchtigsten Seehelden‟ II. 71: „das Schiff Harlem, von zweyhundert und achtzig Lasten, mit zwey Metal linen, zwey und zwanzig eisernen, und acht Steinstücken, und achtzig Boots leu ten bemannt; das Schiff Leiden zweyhundert und drey ig Last groß, worauf zwey Metallene und zwey und zwantzig eiserne und 8. Steinstücken und fünff und siebenzig Matrosen; der schwarze Löw, hundert und achtzig Last groß, mit vier und zwantzig Stücken Geschütz (oder Götelingen) vier Stein Stücken, und siebentzig Bootsgesellen.‟ Be merk ens wert ist, daß nach Halbert sma im Fries is chen der Matrose auch siler heißt (englisch sailor).  —  Ein altes gutes deutsches Wort für Matrose, ja noch be er und bedeutungsvoller als dieses ist Seemann. Es deutet mehr den dauernden seemännischen (Lebens-)Beruf an. Wenn ein Binnenländer freiwillig bei der Marine eintritt und von dieser zum Kriegsdienst an Bord ausgebildet wird, so heißt er zwar auch Matrose, aber Seemann ist er darum doch noch nicht, das ist nur der, der auch in seinem Zivilverhältniß die Seefahrt als Beruf betreibt.
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