Leesegel

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 5
das. Die Leesegel sind eine Vergrößerung gewi er Segel bei günstigem, beständigen Winde, eine Vermehrung der Segelfläche, und zwar nicht wie früher, als man die Segel nach unten zu durch ein Bonnet oder Bonnit vergrößerte, sondern neben, an der Seite, nämlich allemal an der Luvseite, da sie in Lee keinen Zweck hätten. Daher ist eine der beliebtesten Scherzfragen die: „Warum heißen die Leesegel Leesegel?‟ Antwort: „Weil sie stets in Luv stehen!‟ Das wäre also ein lucus a non lucendo.  —  Breusing hat (Jahrbuch für nie der deutsche Sprachforschung 1879, S. 14 und 15) folgenden Erklärungs ver such gemacht: „dann fand man, daß die früher übliche Verlängerung der Untersegel durch ein Bonnet wenig zweckentsprechend war, deshalb zog man es vor, bei günstigem Wetter die Segel an der dem Winde zugewendeten Seite durch einen Streifen Segeltuch, eine Leiste, niederländisch lyst zu verbreitern und nannte diese Beisegel im Niederländischen lystzeils, woraus durch euphon is che Verschleifung der Kons on an ten lyzeils und im Niederdeutschen lêseils wurden, und hieraus ent stand der deutsche Name Leesegel, der mit dem einfachen Wort Lee durchaus keinen Zus am men hang hat, denn die Leesegel werden eben nicht in Lee gesetzt.‟ Diese Erklärung kann nicht richtig sein, denn erstens ist das Leesegel keine Leiste, sondern ein Segel, ein rich tiges Segel, und ein solches, auch wenn es ziemlich lang und schmal ist, eine Leiste zu nennen, geht nicht an, wenn man bedenkt, was eigentlich eine Leiste ist. Sodann heißt im Niederländischen Leesegel lyseil, weil Lee im Niederländischen ly heißt; eine Form lystszeil gibt es nicht, Breusing hat sie auch nicht nachgewiesen; sollte sie sich ihm zufällig einmal irgendwo gezeigt haben, so könnte es höchstens als Erklärungs ver such geschehen sein, der aber nichts beweißt, wie unzähliche der glei chen Versuche von Weil and dartun.  —  Es bietet sich uns eine andere Deutung von Leesegel ganz ungezwungen dar. Wie unter Lee bemerkt ist, heißt auf Wangerooge ein angenehmes, warmes Wetter li weder; dieses li ist das ostfriesische le —  lau, warm, mild; dabei sei dahingestellt ob dieses le von dem alt nor disc hen hle  —  Schutz, Schatten, Schirm kommt, oder mit lau verwandt ist (welches aber auch mit hle, Lee eines Stammes sein dürfte). Weil im Ostfriesischen dieses le auch lau und lu heißt, so liegt der Gedanke an lau am nächsten. Doornkaart führt folgendes Be i spiel für den Gebrauch an: „'t water is man äfen lê, das Wa er ist nur eben warm, lê water, lauwarmes Wa er; „'t is so 'n lauen lücht,‟ es ist eine so mild war me, weiche, laue Luft, de wind weid so lau‟ etc. Wie auch die Ver wan dts chaft sei, le bedeutet gutes, schönes Wetter; ein Leesegel ist also ein Schönwettersegel .  —  Von hier aus fällt nun auch ein Lichtstrahl auf die Etymologie des erwähnten Wortes Bonnet, mit dem die Leesegel heute noch in den roman is chen Sprachen bezeichnet werden, das aber ursprünglich eine Verlängerung der Segel nach unten zu bedeutete. Eine solche konnte auch nur bei gutem Wetter vor genom men werden, und es steckt also in Bonnet, italienisch bonetta, spanisch boneta, das late in is che bonus, mit einer schmeichlerischen, kosenden Verkleinerungsform, wie man ja auch bei uns von einem „schönen Wetter chen‟ spricht. Also auch hier die Bedeutung: „Gut wet terse gel‟, wie in früheren Tagen ja auch das Großsegel „Schönwettersegel‟ genannt wurde.
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