Fallreep

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 3
das. Nicht leicht ist bei einem Worte der ursprüngliche, einfache und klare Sinn so verdunkelt und verges sen worden, wie bei diesem. Reep ist gleich Tau. Fallreep ist also das Tau, das man einem, der die Stufen der Bordwand hinauf wollte, hi nab fallen ließ, sich daran festzuhalten. So bedeutet also das heutige Kommando „Fallreep!‟ eigentlich: „Fall Reep!‟ oder „laß fallen das Reep‟, für den an Bord Kommenden (oder auch von Bord Gehenden). Weil dies von einer bestimmten Stelle aus geschah, nämlich eben von da, wo in der Bordwand die schmalen Trittbretter eingela en waren, so nannte man die ganze Gegend da in der Nähe nach diesem fallen den Reep „am Fallreep‟, „beim Fallreep‟, oder auch kurzweg „Fallreep‟, und der Nachtposten, der da steht, kann nun au ingen: „Steuerbord-Fallreep, oder Back bord-Fallreep alles wohl!‟ Man denkt gar nicht mehr an das Reep oder Tau, man glaubt, es mit einer einfachen Ortsbezeichnung zu tun zu haben. So erklärt es sich auch, daß in späteren, be queme ren Zeiten, als man statt der Bordwandtrittbretter richtige transportable Treppen einführte, diese Fall ree pst rep pen genannt wurden, wiewohl diese gerade durch ihr Geländer das Fallreep überflü ig machten, so daß die sogenannten Fallreepsgäste das Tau nur noch symbolisch in die eigene Hand nehmen und nur so tun, als ob sie es dem Kommenden oder Gehenden hinreichten. Es ist dies lediglich eine den Offizieren etc. etc. erwiesene Ehrenbezeugung geworden, auch dann noch erwiesen, wenn das Schiff am Bollwerk oder an der Werftkaje liegt. Wie sehr die ursprüngliche Bedeutung dem Bewußtsein entschwunden ist, lehrt be sonders deutlich das Kommando: „Vier Fallreep‟ (für einen Stabsoffizier die Ehrenbezeugung), als ob der Fallreepsgast Fallreep genannt werden könnte, oder die Redewendung: „Er lehnt sich zum Fallreep hinaus‟, wobei keineswegs an das Reep, sondern an den Einschnitt in der Bordwand, der einer Tür ohne oberen Drempel gleicht, gedacht ist.  — Inde en gibt es doch Gelegenheiten, wo das Reep noch wieder zu Ehren kommt und fällt; in See oder auf offener, sehr bewegter Rhede, wo das Schiff sich stark bewegt und die Treppe nicht ausgebracht werden kann. Da muß man, wenn es nicht gar über eine Jakobsleiter am Besansbaum geht, die Trittbretter an der Bordwand benützen und zieht das Reep aus leicht beg reif lichen Gründen den Einschnitten zum Halten in den Trittbrettern vor.  —  Die Bedeutungsverschiebung ist nicht neu. Schon Aubin 1702 hat das holländische val-reep mit échelle de poupe übersetzt, was der erwähnten Jakobsleiter entspricht. Die Entwickelung ist also die: Tau, Tau-(Strick-)Leiter, Leiter, Treppe. Auch übersetzte er es sinnreich mit tire-vieilles: „Ce sont deux cordes qui ont des noeuds de distance au distance. Elles pendent le long du vai eau endehors, savoir une corde de chaque coté de l'échelle‟.  —  Der Übersetzer der „Durchläuchtigsten Seehelden‟ hat sich die Sache mit Fallreep leicht gemacht und einfach Falltreppe gesagt. Er beschreibt eine Begegnung des Kaisers Karl V. mit König Franz I. „an den Bord des Käysers, da der König mit einer köstlichen zubereiteten Chaloup von Aquamorto, in Be glei tung des Montmorancus, des Hertzogs und Cardinals von Lothringen ankommen war. Der Käyser begegnete dem König an der Fall-Treppen , und empfing ihn mit aller Freundlichkeit, und führte ihn nach dem Hinter-Teil des Schiffes, allda sie viele Stunden mit einander in sehr ergötzlichem Gespräch zubrachten, unter welchem die fürnehmsten Herren Seiner Käyserlichen Majestät Hände zu kü en kamen.‟
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