Roring

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 7
der, heißt der Ring an der Spitze des Ankerschaftes durch den der Anker mit der Ankerkette verbunden wird. Das Wort wird auch Rooring und Röring geschrieben, heißt aber neuerdings meistens Schäkel. Diese letztere Bezeichnung ist offenbar in Anbetracht de en in Aufnahme gekommen, daß man sich sagte, daß ja der Roring eigentlich gar kein Ring ist, sondern wegen der einen offenen von beiden Seiten den Schaft umfa enden Stelle we it eher einem Schäkel ähnlich sieht. Dieser Ged an ken gang ist richtig, bildet aber keinen Vorwurf gegen die Seeleute früherer Tage, die das Wort Röring gebildet und gebraucht haben. Denn einmal war der Roring damals wirklich ein Ring, und dann hat das Wort mit Ring überhaupt garnichts zu schaffen und hieß im Niederdeutschen die Roring (oder vielmehr, wie gleich zu erwähnen sein wird: Röring). Zu Rödings Zeiten hieß so auch die aus altem Tauwerk hergestellte Bekleidung des Ankerringes, die man vornahm um denselben vor Rost zu schützen und um ihn dicker zu machen, dam it das Ankertau sich des to be er um denselben schließen könne. Röding nennt diese Bekleidung Ankerrührung oder Röring, und zwar: die Ankerrührung oder der Röring. Er hat aber offenbar etwas Nebensächliches für die Hauptsache gehalten. Nicht die Bekleidung war das Wichtige, sondern der Ring selbst, und der treffliche Mann ist wohl auch nur darum auf die Bekleidung ver fallen, weil er sich sonst für den Ring das Femininum nicht erklären konnte. Das erklärt sich aber leicht, wenn man von der im Grunde doch  — wie Schäkel beweist  —  nebensächlichen Ring form dieses Stückes absieht und, anstatt an die Gestalt, an den Zweck de elben denkt. Der Roring hat den Zweck, zu ermöglichen, daß der Anker durch die Ankerkette bewegt, umgestoßen, von der Stelle gerückt werde. Eine solche Bewegung heißt an der deutschen Nordseeküste röring, von dem Zeitwort rören, rühren, bewegen, regen, anfa en, treffen, erreichen. Roring also (rich tiger, wie bei Röding, Röring) hat seinen Namen daher, weil dam it die Stelle bezeichnet wird, entweder wo Kabel und Anker sich berühren, treffen, sich erreichen; oder, und das will noch einleuchtender erscheinen, davon, daß der Anker mittelst des Rorings bewegt, umgestoßen, von der Stelle gerückt, gerührt wird. Nicht davon, daß der Ring das bewegliche Ding am Anker ist, heißt er „Bewegung‟, sondern davon, daß durch ihn  — abgesehen davon daß er im Übrigen die Gestalt eines Ringes hat  —  der Anker seine Bewegung erhält. So erklärt sich auch ungezwungen zweierlei. Einmal die Form Röring und sodann das Femininum. Männlich ist das Wort erst bei der Aufnahme ins Hochdeutsche geworden, weil man dabei an Ring dachte, ohne aber zu bedenken, daß dann, wenn Ring zur Geltung gebracht werden sollte, auch Rorring hätte geschrieben werden mü en, dann hätte man es wenigstens mit Berührungsring übersetzen können, die zweite Silbe im Worte heißt aber nicht -ring, sondern -ing und ist weiter nichts als die nie der deutsche Form der Endung -ung.  —  Da aber unter dem Einfluß der ringförmigen Gestalt sich die männliche Form „der Röring‟ einmal festgesetzt hat und schwer durch die weibliche Form „die Röring‟ wieder zu verdrängen gewesen wäre, so ist es eigentlich für das sprachliche Gefühl mit Freude zu begrüßen, daß der Eindringling nun in „Schäkel‟ einen so mächtigen Gegner erhalten hat.  —  Das nie der deutsche Zeitwort rören heißt niederländisch roeren, altfriesisch hrera, auf Wangerooge rer, im Saterland röre; altsächsisch hrorjan, angelsächsisch reran, altenglisch hroren, altnordisch hroera, norwegisch und schwedisch röra, dänisch röre; althochdeutsch hruorjan, hroren, mittelhochdeutsch ruoren. Aus dieser dem Doornkaat entnommenen Zus am mens tel lung geht hervor, daß die Form röring ihre volle nie der deutsch-seemännische Berechtigung hat.
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