Ruder
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 7
das. 1. Eine Vor rich tung zum Steuern eines Schiffes. 2. Ein Werkzeug zum Fort be we gen eines Bootes. Auf Krieg chiffen ist nur die erste Bedeutung im Gebrauch, sonst überall im deutschen Sprachgebiet hat sich die zweite im Munde von Seeleuten und Nicht see leu ten erhalten, wiewohl schon zur Zeit der römischen Herrschaft am Rhein Remen oder Riemen (s. d.) vom late in is chen rem us herübergenommen wurde. Es wird auch nie gelingen, dem Worte sein Hausrecht im Deutschen zu rauben, dazu war es denn doch zu fest eingewohnt und -gewurzelt als das fremde Wort eindrang. — Inde en hatten Ruder und Remen in einer Wiege gelegen, indem beide von einer in do german is chen Bewegungswurzel abstammen, die in der Form ra, re, er, ar, ro vorkommt und jede Art von Fort be we gung bedeuten kann: stoßen, treiben, schieben, ziehen, rücken. Eine Zeit lang sind die beiden Hand in Hand ihren Weg gegangen und haben sich in der Bedeutung wenig von einander entfernt. Wo sich nachher die Trennung vollzogen hat, läßt sich nicht mehr genau angeben. Es kann aber im Griechischen geschehen sein, so daß eretmos noch für beide die gemeinschaftliche Form darstellte. Das hätten wir uns etwa so vor zus tellen. Es gab vom gleichen Stamme wie eretmos ein griechisches Wort, rhyma, Seil, Zugseil, von welcher unser (Leder-) Riemen herkommt. Unter Anlehnung an dieses Fort be we gun gsm it tel rhyma ward aus eretmos das Fort be we gun gsm it tel rem us gebildet, durch Aphäres is des anlautenden e und Schwund des t. Beide, rhyma und eretmos, waren ja Hilfsmittel, das Schiff fortzubewegen, das Zugseil und der Remen, ja vielleicht die Fort be we gung mit dem Zugseil die ursprüngliche und das Rudern kam erst später auf. Dann hätte man also die alte Bezeichnung der Fort be we gung durch Ziehen („treideln‟ s. d.) für die neue Fort be we gung durch Rudern beibehalten, etwa wie wir jetzt sagen, das Schiff segelt nach New york, wiewohl es sich dabei um einen gar keine Segel führenden Dampfer handelt. — Eretmos aber diente nicht nur zur Fort be we gung des Schiffes, sondern auch zum Lenken de elben. In so fern es nun diese letztere Bedeutung hatte, folgte man naturgemäß nicht dem Zuge und Einfluß von rhyma, sondern bildete eretmos selbständig weiter, und zwar auf dem Wege vom Griechischen zum German is chen, durch Abwerfen (Aphäres is) des e und Abschwächung der Tenuis zur Media, sowie durch Schwund des m und Vert a usc hung der griechischen mit german is cher Endung, (vorausgesetzt, daß die Weiterentwickelung des Wortes sich nicht schon in vorgriechischer Zeit auf gemeinschaftlicher in do german is cher Wanderung vollzogen hat). Jedenfalls ist das Wort nicht durchs Late in is che, wie rem us, sondern durch das go this che rodra, Werkzeug zum Rudern, als ruodar ins Althochdeutsche gegangen. Hier trafen die beiden Vettern wieder zusammen. Und wenn der fremde — rem us — sich auch zeitweilig vordrängte, ja sich für das Werkzeug zur Fort be we gung au chließlich im Gebrauche des Seemanns festsetzte, so hat der einheimische — als „Ruder‟ — sich doch im ganzen Binnenlande behauptet, ja auch bei den Seeleuten als Werkzeug oder Vor rich tung zum Steuern seine Geltung behalten. — Es ist auf fall end, wie kurz sich die Isländer ihr Wort für Remen zurecht gemacht haben, sie sagen ar und sind so wieder auf die ursprüngliche Bewegungswurzel zurückgegangen, während doch schon im Sanskrit aritras das Ruder, arita der Ruderer hieß.
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