Gösch
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 4
die, heißt die Flagge die am Ende des Bugspriets an einem Stocke, dem Göschstocke, an Sonn-, Feierund anderen Tagen von besonderer Bedeutung weht. Bei unseren Krieg chiffen besteht die Gösch aus dem oberen inneren Felde der Kriegsflagge, schwarz, wei , rot mit dem eisernen Kreuz. Das Wort Gösch muß eigentlich Gös heißen, denn es ist aus Holland zu uns gekommen, wo es geus heißt, ausgesprochen Gös. So hießen die Kämpfer in dem Unabhängigkeitskriege der Niederländer gegen Spanien. Das Wort bedeutet Bettler. Als die 300 Verbündeten am 5. April 1566 zu Brü el der Regent in Margaret he ihre Bittschrift überreichten und diese sich zu entfärben schien, flüsterte ihr der Graf von Barlaimont zu, sie solle sich vor einem Haufen Bettler (gueux) nicht fürchten. De en eingedenk trank man sich alsbald darauf bei der Tafel unter diesem Namen zu, und: es leben die Geusen! wurde mit allgemeinem Geschrei des Be i falls gerufen. Nach aufgehobener Tafel erschien der Graf von Brederode mit einer Bet telt as che und bald waren alle mit solchen versehen. Das Dasein seiner Beschützer mußte dem Volke vers inn licht und der Eifer der Partei durch ein sicht bares Zeichen in Athem erhalten werden; dazu war kein be eres Mittel, als diesen Namen der Geusen öffentlich zur Schau zu tragen und die Zeichen der Verbrüderung davon zu entlehnen. In wenig Tagen wimmelte die Stadt Brü el von aschgrauen Kleidern, wie man sie an Bettelmönchen und Büßenden sah. Die ganze Familie mit dem Hausgesinde eines Verschworenen warf sich in die Ordenstracht. Einige führten hölzerne Schü eln mit dünnem Silberblech überzogen, eben solche Becher, oder auch Me er, den ganzen Hausrat der Bettlerzunft, an den Hüten oder lie en sie an dem Gürtel herunterhängen. Um den Hals hingen sie eine goldene oder silberne Münze, nachher der Geusenpfennig genannt, deren eine Seite das Brustbild des Könige zeigte, mit der Inschrift: „Dem Könige getreu.‟ Auf der andern sah man zwei zusammengefaltete Hände, die eine Proviant tas che hielten, mit den Worten: „bis zum Bettelsack.‟ Daher schreibt sich der Name der Geusen, den nachher in den Niederlanden alle diejenigen trugen, welche vom Papsttum abfielen und die Waffen gegen den König ergriffen. (Schiller.) Oft wurden sie auch watergeusen genannt wegen ihrer Tüchtigkeit zu Wa er. Leute die so sehr auf äußerliche Abzeichen hielten, hatten gewiß auch ein solches, oder mehrere in der Flagge die sie führten. In der Tat erfahren wir, daß es in jenen kriegerischen Tagen bei den Geusen eine Flagge gab mit drei P., die bedeuteten „Pugno Pro Patria.‟ — Bekanntlich fing der eigentliche Krieg mit der Einnahme der Festung Briel durch die Geusen an. Davon lesen wir: „Lorsque le Comte de la Marc vint devant la Brille avex ses vai eaux il portoit dix deniers dans son Pavillon, pour marquer qu'il venoit s'oposer à la levée du dixiéme denier que le Duc d'Albe vouloit exiger.‟ Es werden die Geusen in ihrem Stolz und Trotz auch noch andere ihrer Abzeichen in der Flagge geführt haben. Nach ihnen sahen Leute, die den Namen Geusen als einen Ehrennamen ansahen, mit Begeisterung. Wäre es da ein Wunder, wenn die Flagge, die Geusenzeichen trug, selbst geus genannt worden wäre? Und wirklich belehrt uns Aubin, daß die Bugflagge zu seiner Zeit, Ende des sechzehnten Jahrhunderts, geus geheißen hat, (wie sie denn auch noch jetzt so heißt). Sonst werden wohl die Leute nach ihrer Flagge genannt, hier finden wir den umgekehrten Fall, daß die Flagge nach den Leuten heißt. Daß aber grade die Bugflagge den Namen der Geusen führt, mag zufällig sein, kann aber auch irgend einen be sonde ren geschichtlichen Grund haben und dürfte mit dem Umstande zusammenhängen, daß überhaupt in jenen Tagen die Bugflagge häufiger als heute gesetzt ward. Und die Geusen werden sie nach dem was wir von ihnen gehört haben nicht weniger, sondern mehr als andere Leute geführt haben. — Man hört den oberen inneren Teil der Kriegsflagge, welcher die Gösch ausmacht, auch wohl Jack nennen. Das kommt von der englischen Bezeichnung „Union Jack‟ für dieses Feld. „The union or union flag of Britain, the national banner of the United Kingdom, is formed by the union of the cro of St. George (red on a white ground), the diagonal cro or saltire of St. Andrew (white on a blue ground), and the diagonal cro of St. Patrick (red on a white ground)‟; stellt also die Union zwischen England, Schottland und Irland dar. Jack aber ist im Englischen eine populäre Form für James (vom französischen Jacques, Jakob), eine so populäre, daß sie in unzähligen Wendungen, Bedeutungen, Zusammensetzungen und sprichwörtlichen Redensarten gebraucht wird. Union Jack aber „was named after James I, under whose direction the first union flag was constructed and who signed his name Jacques.‟ Wobei zu bemerken ist, daß es in den Zeiten schwerer innerer Kämpfe auch eine Flagge gab, die union flag hieß, rot mit der Inschrift: „For the protestant religion And the Liberty of England‟; es war also nichts Ungewöhnliches, daß man die Flagge in Zeichen oder Worten zu denen reden ließ, die unter ihr fuhren.
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