Holen
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 4
ziehen, zerren, reißen, raffen, schlep pen, bringen, tragen, im Be sonde ren: an einem Tau ziehen . Ein we it ver brei tetes deutsches Wort, nie der deutsch holen und halen, althochdeutsch halon, altenglisch halien, angelsächsisch geholian, altnordisch hala, spanisch halar, französisch haler (wie alle mit h beginnenden See man nswörter des Französischen, aus dem Deutschen). In so fern holen nun wirklich ziehen bedeutet, ist das Kommando: „Hol ste if, hol an‟ ohne weiteres klar, denn es bedeutet: „Zieh an!‟ Aber wenn hernach aus demselben Munde der Befehl kommt: „Fest holen!‟ und dam it gemeint ist, daß nun nicht weiter gezogen werden soll, so bedeutet das eine holen das gerade Gegenteil von dem andern holen. Die Erklärung liegt im Niederdeutschen; holen und holen sind da zwei ganz verschiedene Wörter. Sie sind nur zufällig in der Form holen zusammengetroffen. Das eine heißt eigentlich halen, das andere holden. — Da die Niederdeutschen, be sonders die für das Seemännische so wichtigen Friesen, das a so dunkel wie o au prechen, so klingt halen in ihrem Munde wie holen. Und da sie sichs mit dem Sprechen gar zu gern bequem machen, wobei es ihnen auf eine Hand voll Buchstaben nicht ankommt, so ließen sie in holden das d verschwinden und es ward ebenfalls zu holen. Das konnte um so eher geschehen als eine Verwechslung des einen holen mit dem andern für ein niederdeutsches Ohr ausgeschlo en war, teils weil sie vers chi eden ausgesprochen und betont wurden, teils wegen sehr wesentlicher Vers chi eden he i ten in der Konjugation. Alle diese Unterscheidungsmerkmale fielen aber bei der Aufnahme ins Neuhochdeutsche fort und dadurch ist erst die Verwechslung der beiden Zeitwörter mit einander möglich geworden. Um solche in Zukunft zu vermeiden, wird es kaum ein and eres Mittel geben als einfach die beiden zusammengefügten Zeitwörter wieder zu scheiden und sie schiedlich und friedlich neben einander zu gebrauchen als holen und halten. Dann kann kommandiert werden: „Holen!‟ und, wenn die Leute strammer, fester zufa en sollen: „Fest holen!‟, wenn sie aber aufhören sollen mit holen: „Fest halten!‟ (nämlich so lange bis das Tau belegt oder doch wenigstens abgestoppt ist). — Die angeführten Wörter fremder Sprachen haben den Vokal a; Beweis daß sie nicht von holden sondern von dem we it seemännischeren halen stammen. Über ein von haler gebildetes haleur s. unter treideln.
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