Lootse
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 5
der, ein Mann, der Seefahrt und des Ortes kundig, der den Beruf hat, einem Schiff in schwierigem Fahrwa er den Weg in den Hafen oder aus dem Hafen zu zeigen; das Schiff zu lootsen. Um dieses Wort richtig erklären zu können, mü en wir vor allen Dingen von dem it alien is chen, französischen, englischen, holländischen piloto, pilote, piloot, pyloot ganz absehen, wenigstens zunächst. Diese Wörter werden oft mit Lootse zusammengebracht, haben aber nichts dam it zu schaffen und können daher die Untersuchung nur trüben und verwirren. Auch der Versuch, das Wort zu Lot zu stellen, als sei der Lootse ein Mann der durch Loten die Tiefe des Wa ers feststelle, muß aufgegeben werden. Das Bremer Wörterbuch sagt zwar: „Loots, Lootsmann = Piloot, der mit dem Senkblei die Tiefe des Wa ers ergründet. Überhaupt ein erfahrener Mann, der das Fahrwa er, die Tiefen und Untiefen kennt‟, aber dadurch wird die Sache nicht be er, denn wenn auch das zweite, mit dem erfahrenen Mann stimmt, das erste, mit dem Loten, stimmt keineswegs. Wer auch nur einmal in seinem Leben mit einem Lootsen gefahren ist, der muß wi en, daß ein solcher viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt ist und auf zu viel and eres zu achten hat, als daß er sich aufs Loten einla en könnte. Dazu wird eigens ein Matrose abgeteilt, der die gelotete Tiefe laut au ingt. — Auf die richtige Spur leitet uns das niederländische lodsman, englisch loads man, altenglisch lodeman. Dieses lod aber hat mit lod = Blei nichts gemein, sondern heißt Weg. Ein lodsman ist also ein Wegmann, ein Mann der den Weg zeigt, und zwar, sinnverwandt mit dem brim-wis a = Führer zur See, ein Wa erwegweiser. Im Seebuch (1400) heißt der Name loedman und loetsman, lootsmann und dieser Ausdruck kehrt, wie Breusing (Jahrbuch V. 8) anführt in allen nordischen Quellen des Seerechts wieder; „in den Jugemens d'Oleron als lodemann; water regt van Damme als laedsage; kostumen van Westcapelle als leydtsman; Waterrecht van Wisby als Leytsager und leytsman.‟ Kilian, der pylloot freilich mit „expert us nauta, qui bolide altitudinem mar is explorat, nauta loci peritus‟ übersetzt, hat doch auch die Form lootsman. — In einem Hansareceß von 1437 lesen wir: „Int erste hebbe ik gegeven deme losmanne, de my segelde in de Temese 6 Pf.‟ Und an der we i tig: „So wan en schip van nodt wegen queme vor eyn land, dar yd hauen moste, vnde vmbekant were, so dat ydt eynen leydsagen bederuede‟... Weiter: „Wor en scipper wynnet enen sturman, eder enen letsagen edder enen schepesknapen, deme synt se to rechte schuldich syne reise wol to donde.‟ Auch im übertragenen und bildlichen Sinne in einem Adventsgebet: „O he ers copper aller heren vnde weldighe leytsaghe des slechtes Israhel.‟ Das früheste Zeugnis für die Form letsaghe fällt in das Jahr 1299: „So wellik letsaghe jof sturman oder schipman, de sic vormedet heuet ene me unseme borghere, wil he enen vnsen borghere vorklaghen, dat schal he don vor sine me oldermanne‟ (Lüb. Urk.) — Das Wort lootsman hat sich in dieser Gestalt, wie die Stelle aus dem Bremer Wörterbuch beweist, zwar bis in die neuere Zeit erhalten, daneben aber hat sich allmählich das Wort durch Verschlucken der Endsilbe in Lootse abgeschliffen, zunächst nur in der gesprochenen Sprache, so wie man boatswain Bosen au pricht und das mann in Bootsmannsmaat verschluckt und Bootsmaat sagt. — Das Wort ist also ein echt germanisches. Heißt doch im Altenglischen der Nordstern loadstar, Weg-, Leitstern, und der Magnet loadstone = Weg-, Leitstein. Und zwar ist das erste Wort in der Zusammensetzung mit unserem neuhochdeutschen leiten = führen verwandt, die wörtliche Übersetzung von Bootsmann also „Geleitsmann‟. So war das Wort im Mit tel alter in Deutschland, England, Holland und auch in Frankreich in Gebrauch. — Nun kamen aber zur Hansazeit die It aliener in deutsch-niederländische Häfen. Die hatten bis dah in so etwas wie einen Lootsen in unserem Sinne gar nicht gekannt. Wohl hatten sie einen piloto, aber der stellte, wie aus der Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen bekannt ist, und wie Breusing a. a. O. vortrefflich ausgeführt hat, etwas ganz and eres dar, einen Mann, der einen ganz anderen Beruf hat als ein Lootse, nämlich überhaupt einen seek und i gen Mann, der die Navigation auf offener See betreibt, wie wir z. B. aus den Reisen des Columbus wi en, daß der eine der Gebrüder Pinzon der piloto mayor des Geschwaders der ersten Fahrt war. „Ein Bedürfnis von Lootsen in unserem jetzigen Sinne, wo das Wort einen Wegweiser für enge gefährliche Fahrwa er bedeutet, besteht im mittelländischen Meere gar nicht. Die großen Handelsemporien Kons tanti no pel und Alexandria, Me ina und Palermo, Venedig und Genua, Neapel, Marseille, Barcelona, Valencia, Malaga [3] liegen an offener See. Andererseits muß man bedenken, daß in früheren Zeiten der Schiffer eigentlich nur der Schiffsherr war und kein Seemann zu sein brauchte. Ulloa in seiner Con vers at i ones sagt darüber: En lo antiguo eran dos minister ios separados, el de mandar las embarcaciones y el de dir i girl as. Los capitanes tenian el man do interior civil, economico y militar; y les pilotos eran los que desempenaban la parte nautic a en pilotage y maniobra. So erklärt sich die Vorschrift, daß ein Schiffsherr, der nicht selbst Seemann war, einen der Schiffahrt kundigen Mann annehmen mußte, von selbst, und man hat hier nicht an einen Lootsen zu denken. Bei den Völkern des Mittelländischen Meeres hat das Wort piloto keine andere Bedeutung gehabt, als die wir mit einem „befahrenen Seemann‟ verbinden ... Auch der Nicht seem ann begreift, wie widersinnig es wäre, für völlig unbekannte Gewä er (wie die von Columbus aufgesuchten) einen Lootsen an zus tellen, der eben davon seinen Namen hat, daß er von einem ganz bestimmten Fahrwa er eine genaue Ortskenntnis besitzt, um als Wegweiser dienen zu können... Erst nach dem Jahre 1300 kamen genuesische und venetian is che Schiffe nach Antwerpen und lernten in den nordischen Meeren eigentliche Lootsen kennen. Denn hier lagen die Handelsplätze nicht wie im Mittelmeere an offener Seeküste. Hamburg und Bremen, Amsterdam, Rotter dam und Antwerpen, London und Bristol, Rouen und Nantes und Bordeaux liegen tief im Lande an Revieren, deren Eingang durch Sandbänke versperrt ist und wo die Möglichkeit des Einsegelns von der genauen Kenntnis der von Ebbe und Flut bedingten Wa ertiefe und Gezeitströmung abhängig ist.‟ Aber für einen loodsmann war kein Wort im It alien is chen, eben weil die Sache unbekannt war. Da halfen sie sich mit einem anderen Wort, mit einem, das wenigstens so ungefähr etwas Ähnliches anzudeuten schien und nannten den loodsman: pilot a. Diese beiden haben sich dann so mite in an der vermengt und vermischt, daß in Holland, England und Frankreich, vielleicht unterstützt durch den ähnlichen Klang, die roman is che Form die german is che in den Hinter grund geschoben hat. Doch ist es ihr weder in Frankreich noch in Holland gelungen, sie ganz zu verdrängen. In Frankreich ist nämlich das norman nis che lodemann in locman, dieses in locmaneur (mit Anbildung an gouverneur = Steuermann) und dieses in das neufranzösic he lamaneur übergegangen, und lamanage heißt heute noch die Thätigkeit des Lootsen, während man im Altfranzösischen maronier sagte, vom kymrischen mar = Führer, oder vielmehr von dem Be in a men des Mercurius Marunus = Wegweiser; auf einer bei Baden gefundenen Inschrift aus der Römerzeit steht: „Marones (Name eines Volkes in den Alpen) enim appellantur viarum praemonstratores‟. — Was aber Holland betrifft, so beweist ein Blick in das 1629 erschienene erste deutsche Buch über Schiffbau, die Architectura Naval is von Josef Furttenbach, daß das german is che Wort damals noch galt. Es ist da ein durch seine Schnelligkeit berühmtes holländisches Schiff unter Segel abgebildet und genau beschrieben, ein Schiff, das einst zu Wa er schneller von Amsterdam nach Genua kam, als der Avis mit der Land post, der melden sollte, daß das Schiff geladen sei. Es führte den Namen „ Lotzmann ‟ und hätte ihn nicht führen können, wenn nicht Lotsmann neben pylot in Holland noch gangbar gewesen wäre. — Im Deutschen, und zwar in der deutschen Seemann prache hat sich das deutsche Wort unbefleckt von piloto erhalten. Daher wir auch der Mühe überhoben sind, der Abstammung dieses Fremdwortes nachzugehen. Es macht sich zwar hie und da in hochdeutschen Büchern und namentlich Gedichten breit, aber es wird stets als Fremdwort empfunden. Und wenn bereits 1735 im „Seebuch‟ Johann Manson schreibt: „Für tieffgehenden Schiffen ist nicht raths am dieses Fahr-Wa er einzusiegeln (durch das Mitteltief nach Wismar), wo er nicht des to be er bekannt ist, sondern muß sich Piloten aus der Stadt nehmen‟, so beweist das doch nur, daß damals schon die Fremdwörterei im Gange war, was ohnehin bekannt ist. Außerdem hat Hans Wittenburgk, Schiffer in Wismar, das Manson's che Buch aus dem Schwedischen ins Hochdeutsche, so gut ers konnte, übersetzt. — Lootsenflagge ist die als solche erkennbare weil be sonders unterschiedene Flagge, die ein Schiff hißt zum Zeichen, daß es einen Lootsen haben will; auch die Flagge die der Loot send amp fer , der Lootsenschuner zeigt, der Lootsen abzugeben hat. — Ein Lootsenkommando hat einen Lootsenkommandeur, Oberlootsen, Steuerleute, Lootsen, Loot senas pir an ten etc. etc. — Loot sen was ser ist ein Fahrwa er, das man auf Karte und Seg elan we i sung hin nicht befahren kann, sondern nur mit Hilfe eines Lootsen. Waghenaer im „Spiegel der Zeevaerdt‟, 1588, schreibt: „Dan men moet verstaen dat wij dese Tonnen ende Baecken alhier so aengeteckent hebben, als de selue int voorleden Jaer van 82 geleyt ende gestelt sijn geweest. Ende dat de diepten ende stroomen Jaerlyckx seer verloopen ende verandern: ouermidts d'on ghest a dig he sandtgronden, ende dat de gaten beneffens der Zee seer wyt ende breet worden, waer door dese stroomen al Lootsmans water syn, darmen hem versien moet van goede Piloten.‟ Ein neuer Beweis, wie man in Holland Lootsman und Pilot neben einander gebraucht hat. Vergl. auch Waghenaers Seg elan we i sung für Brest: „Oock meucht ghy van daer innewaerts seylen voor den hauen van Brest, maer daer leyt een Clippe ghenaemt de Bagyne recht binnen d'Oosthoeck van Croixduynen af, ontrent Midtswater aen de Noortzyde ist best daeromme te loopen. Voorts die inde hauen van Brest oft Landerneau wil wesen, moet schicken Lootsluyden in te cryghen wantet Lootsmans water is.‟ [3] Diese Sätze sind am 17. Dezember 1900 geschrieben, am Tage, ja in der Stunde, da die Nachricht vom Untergang S. M. S. „Gneisenau‟ einging.
Readham'da tam maddeyi gor →