Arbeiten
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache · 1882 · p. 1
Der Seemann personificirt sein Schiff gerne. Darüber hat sich der Dichter und Reichsministerialrat Wilhelm Jordan in einem Etatsvorschlag für die ehemalige deutsche Flotte so ausgesprochen: „Das Schlimmste aber ist, daß auf dem Dampfer wie schon oben angedeutet, kein vol len deter Seemann ausgebildet werden kann. Denn seine Segel sind nur Nebenkraft und selbst bei voller Bemastung und Take lung läßt sich die feinere Segelführung, die das Schiff zugleich durch die Leinwand steuert, daß es, wie das Pferd der bloßen Führung am Halse, dem leisesten Winke gehorcht, auf dem lang gest reck ten und rudergelenkten Dampfschiff niemals gründlich erlernen. Darum ist es auch dem Seemann ein toter, äußerlich bewegter Körper, dem nicht er, sondern der stets mit scheelen Augen angesehene Maschinist und der mißachtete Heizer gebieten, während ihm sein Segelschiff zum lebendigen Wesen wird, mit dem er bald durch eine geistige Zuneigung verwächst. Und dies in jeder Schilderung des See lebens als sein innerster Kern, als sein höchster Reiz hervortretende eigene Verhältnis, das es dem Matrosen notwendig macht, sein Fahrzeug als Femininum zu denken und benennen, ist keineswegs bloß ein schöner Flitter des Seeberufs: es ist von der höchsten praktischen Bedeutung, es bildet ein Hauptfundament der Seemannsehre, und wo es fehlt, da ist der Gehorsam und die Pflichttreue bis zur Wagnis des Lebens für die Erhaltung des Schiffes bloß ein abstraktes Gebot. So seltsam sich eine solche Hinweisung auf ein so feines und phantastisches psychologisches Moment in Gesellschaft der trockenen Zahlen einer Budget vorlage ausnehmen muß, kann ich doch nicht umhin, es als einen Hauptgrund mit geltend zu machen für die Notwendigkeit, baldmöglichst auch einige Segelschiffe auf den Stapel zu stellen‟. Eine Personification ist es auch, wenn gesagt wird: „das Schiff arbeitet‟, d. h. es bewegt sich schwer in stürmischer See. Es liegt dann auch nahe, die dabei unvermeidlichen Reibungsund andere Geräusc he als Seufzen, Ächzen und Stöhnen zu bezeichnen. Daß Arbeit, wie Doornkaat gemeint hat, aus der Vorsilbe ar und dem althochdeutschen Zeitwort peitjan, gebieten, kommen soll, will nicht einleuchten, schon weil in deutschen Mundarten Arbeit vielfach Arwed heißt, mit dem Ton auf dem ganz langen A und sehr kurzem e, (angelsächsisch earfod, earfede) und das bedeutete doch eine gar zu starke Tonverschiebung. Man hat auch an die in aro, ich pflüge, liegende Wurzel, also an die erste aller Arbeiten, die Feldarbeit, gedacht („im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot e en‟), allein ein anderer Gedanke liegt näher: In uralten Tagen überließ der freie Deutsche alle Arbeit dem Unfreien. Daher liegt in dem Worte Arbeit, das mit altslovenisch rabu = Knecht, mit böhmisch rabota = Arbeit, Knechtsarbeit und mit dem vor german is chen orbho = Knecht, zusammenhängt, leider nicht der Begriff freier, fröhlicher Mannesarbeit, sondern der der seufzenden Knechtesarbeit, der Mühe, der Beschwerde, der Not, und der ist auch in der Redewendung „das Schiff arbeitet‟ vorhanden.
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